Selbstmitgefühl in der Psychotherapie

Psychotherapiestudien besagen, dass die Entwicklung von Selbstmitgefühl im Patienten im Laufe der Therapie maßgeblich mit einer symptomatischen Verbesserung in Zusammenhang steht.  Die aktuelle Forschungslage läßt schlußfolgern, dass ein expliziter ergänzender Fokus auf die Förderung von Selbstmitgefühl, die Effektivität von etablierten Psychotherapieverfahren steigern kann, wenn diese die Verbesserung der Emotionsregulation und der Selbstakzeptanz zum Ziel haben.

Wann kann ein Therapie mit Fokus auf Mitgefühl helfen?

Bei Scham und Selbstbestrafung

Wenn wir in frühen Jahren nur wenig Zuneigung, Liebe und Trost oder gar Verachtung, Vernachlässigung oder Mißbrauch erfahren haben, dann sind wir anfälliger uns als Erwachsene zu schämen, zu verachten und nicht wert genug zu fühlen, um gesunde Beziehungen zu führen. Es kann schwieriger sein belastende Gefühle zu regulieren, so dass wir zu selbstverletzendem Verhalten greifen, um uns kurzzeitig zu stabilisieren. Es fällt uns schwerer, positive beruhigende Gefühle wie Geborgenheit, Verbundenheit, Freundlichkeit und Freude allgemein zu empfinden, die wir jedoch benötigen, um starke Scham und Ängste vor Ablehnung zu regulieren. Traumfolgestörungen, Angst, Depression, somatoforme Störungen und Beziehungsprobleme sind einige der unbeabsichtigten Konsequenzen, der Strategien, die wir automatisch entwickelt haben, das Leid zu „überleben“.

Bei Trauer und Verlust

Unvermeidbare Verluste wie die Diagnose einer Krankheit oder der Tod eines nahen Menschens, kann Trauer und auch Hoffnungslosigkeit in uns auslösen. Die Entwicklung von Selbstmitgefühl kann uns helfen, uns selbst zu trösten und zu ermutigen, um wieder Kraft, Hoffnung und Freude am Leben zu entwickeln.

Bei niedrigem Selbstwert

Wenn wir zutiefst unzufrieden mit uns sind, obwohl wir vieles erreicht haben oder großes Potenzial haben, so liegt dem meist ein Gefühl von Unzulänglichkeit zugrunde. Dieses unangenehme Gefühl versuchen wir meist durch Streben nach Anerkennung durch Leistung zu kompensieren. Diese Kompensation durch Leistung ist meist erfolgreich bis zu dem Punkt, dass wir ermüden vom vielen Arbeiten oder Ängste vorm Scheitern oder Entlarvtwerden uns behindern. Selbstmitgefühl kann uns helfen, uns mit unseren Unvollkommenheiten anzufreunden, uns als ganzen Menschen mit Schwächen und Stärken wertzuschätzen, und so unbefangener und freier unser Potenzial zu entfalten und unsere Erfolge zu genießen.

Wie wirkt eine Therapie mit Fokus auf Mitgefühl?

Der Therapeut als mutiger und mitfühlender Mitmensch

Das Verständnis, die Güte, die Hoffnung und die Klarheit, die uns ein Psychotherapeut idealerwise entgegenbringt, können uns helfen Mitgefühl zuzulassen und es stufenweise für uns selbst zu entwickeln. Das ist das notwendige Fundament einer jeden Psychotherapie.

Ein Therapeut, der explizit Selbstmitgefühl in die Psychotherapie mitintegriert, beginnt mit der gelebten Anwendung jedoch nicht beim Patient, sondern bei sich selbst. Psychotherapeuten und andere helfende Berufe sind tagtäglich mit dem Leid anderer konfrontiert und deshalb anfällig dafür sich selbst zu vernachlässigen und einen Burnout zu erleiden. Mitgefühl  – so neuste neurowissenschaftlichen Studien – schützt helfende Berufe vor Burnout und gibt Energie, indem wir uns selbst in den Kreis des Wohlwollens mit einschließen anstatt uns außen vor zu lassen.

Mitgefühl ist keine abstrakte Technik, sondern eine wohlwollende und weise Haltung gegenüber Leid. Wir erkennen, dass wir alle Menschen sind, denen im Leben Leid widerfährt, und dass Mitgefühl, die einzig sinnvolle Antwort auf Verlust, Stress, Krankheit, Einsamkeit und Enttäuschung ist – Das gilt für Therapeut wie für Patient.

Studien zeigen, dass die Förderung des Selbstmitgefühls in unseren Patienten ein zentraler schulübergreifender Wirkmechanismus der Psychotherapie zu sein scheint. Studien weisen auch daraufhin, dass sich unsere Haltung uns selbst gegenüber auf die Patienten überträgt und maßgeblich den Therapieverlauf beeinflußt. Um die Probleme und das Leid unserer Patienten halten zu können, ohne uns dabei zu erschöpfen, bedürfen wir Mitgefühl für unsere Patienten und für uns selbst.

Das MSC-Training ist bestens geeignet für Psychotherapeuten und andere helfende Berufe geeignet, nachhaltiges Mitgefühl zu erlernen.

Mitgefühl umfaßt und klärt

Eine mitgefühlsbasierte Psychotherapie kann uns helfen, stufenweise Sicherheit, Halt und Geborgenheit in uns selbst und mit anderen zu entwickeln. Wenn wir uns sicher genug fühlen, dann entwickeln wir durch verschiedene maßgeschneiderte Übungen im eigenen Tempo unser mitfühlendes Selbst. Dabei zeigen sich meist Stolpersteine, wie Ängste vor bestimmten Gefühlen oder vor Veränderung, die man mit dem Therapeuten und mit Geduld überwinden kann. Mithilfe unseres mitfühlenden und weisen Selbst beginnen wir schliesslich ungeliebte Anteile in uns zu verstehen, zu umfaßen und zu integrieren; wir erkennen die hilfreichen Absichten unserer scheinbar unhilfreichen Gefühle und Persönlichkeitsanteile und können diese nutzen. Durch dieses „Heiler Werden“ gelingt es uns belastende Gefühle besser zu regulieren, mehr Freude zuzulassen und gesündere Beziehungen zu leben.

Psychotherapie oder MSC oder beides?

Wenn wir durch psychisches Leid im Alltag stark beeinträchtigt sind, so dass es uns schwer fällt zu arbeiten oder Beziehungen aufrechzuerhalten, dann ist eine Psychotherapie mit einem ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeut sinnvoll.

Bei einer solchen starken psychischen Belastung, ist Einzeltherapie mit Fokus auf Mitgefühl der sicherste Weg, Selbstmitgefühl zu erlernen, da der Therapeut auf Ihre individuellen Bedürfnisse eingehen kann.

Wenn keine starke psychische Belastung vorliegt oder die Symptome sich soweit stabilisiert haben, dass Sie die Voraussetzungen für  die Teilnahme am MSC Gruppentraining erfüllen, dann kann es hilfreich sein einen MSC-Kurs zu besuchen.

Jeder MSC-Lehrer entscheidet jedoch selbst nach einem Screening und möglichem Vorgespräch, welche Personen er oder sie für den jeweiligen Kurs für geeignet befindet.

Fachliteratur auf Deutsch

Paul Gilbert (2013). Compassion Focused Therapy (CFT). Junfermann Verlag.

Christopher Germer & Ronald Siegel (2014). Weisheit und Mitgefühl in der Psychotherapie. Arbor Verlag.